Zur Erinnerung an unseren verstorbenen Vater und Opa Josef Beisler

Gelebt:30.04.1912- 05.12.2011

Meine persönlichen Wintergeschichten

Verfasser: Dipl.-Volkswirt Josef Beisler 

Es war damals in Russland üblich, dass den einzelnen Arbeitern, bzw. Arbeitsgruppen für die Leistung bestimmte feste Normen pro Tag gesetzt wurden. Wer die Tagesnorm erfüllt hatte, konnte seine weitere Tätigkeit einschränken. (Arbeitssymbol: Hammer, Zange und Schraubenschlüssel)
In dem Gebiet von Nischni-Tagil waren für bestimmte Auftragsbereiche und Tätigkeitsgebiete einzelne Führungskräfte eingesetzt und verantwortlich. Wir konnten bei unserer Kriegsgefangenschafttätigkeit aber manchmal feststellen, dass diese Führungskräfte ihrer Verantwortung auf merkwürdige Weise sehr unzureichend nachkamen.

  1. Beispiel: In Nischni-Tagil gab es eine Eisenbahnstrecke, die die Hochöfen mit den Zulieferbetrieben in der Stadt verband. Auf Heiligabend (24.12.1945) war eine große Lokomotive in der Nähe unseres Gefangenenlagers entgleist und die hohe Eisenbahnböschung hinuntergestürzt und lag unten am Bahndamm. Damit dieses Bahnunglück nicht in der höheren Führung des Werkes bekannt werden sollte und der Bahnbetriebsleiter dafür nicht zur Verantwortung herangezogen werden wollte, wandte sich dieser an die Leitung des nahegelegenen Kriegsgefangenlagers, damit die Männer die Lokomotive mit Asche und Erde völlig eindeckten, bis sie nicht mehr zu sehen war. Statt nun im Lager Heiligabend zu feiern, wurde ich zu der großen Gruppe eingeteilt, die mit der Zudeckung der verunglückten Lokomotive beauftragt wurde.
  2. Beispiel: Nahe bei den Hochöfen war ein sehr großer Lagerplatz für fertiggestellte Eisen- und Stahlplatten. Gestapelt waren dort auch große Bestände an blankem Kupfermaterial. Zur Umgestaltung dieses Lagerplatzes für andere Zwecke wurden die dort lagernden großen Kupferbestände einfach mit Erdmaterial zugeschüttet und eingeebnet ohne Rücksicht auf die dadurch entstehenden Wertverluste. Eine solche Wirtschaftsweise erwies sich manchmal als verantwortungslos.

Diejenigen Russen und Russinnen, die während der deutschen Besatzungszeit von 1941-1945 in deutschen Rüstungsbetrieben dienstverpflichtet worden waren, kamen nach Kriegsende nicht in ihre Heimat zurück, sondern wurden in sibirischen Verbannungsgebieten in besonderen Gruppen zur Arbeit eingesetzt. Ich selbst hatte im Gebiet von Naschni-Tagil im Straßenbau Gelegenheit, mit Ihnen zusammen zu treffen und mich mit ihnen zu unterhalte.
Im Gebiet von Nischni-Tagil stießen wir auch noch auf folgende Besonderheit: Stalin hatte während des Krieges die Bevölkerung des Wolgadeutschen Gebietes mit Gewalt aufgelöst. Die Männer wurden in das Gebiet von Wladiwostok in Ostasien verbannt. Die Frauen kamen in das Gebiet von Naschni-Tagil. Wir deutschen Kriegsgefangenen hatten hier Gelegenheit, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Die Lebensweise dieser Frauen in diesem Gebiet war sehr dürftig.
Unter uns deutschen Kriegsgefangenen im Gebiet von Nischni-Tagil befanden sich auch junge und alte Menschen, die in Deutschland vor Kriegsende noch zum Volkssturm eingezogen worden waren. Von ihnen schickte der Russe Anfang 1946 die jungen Leute in die Heimat zurück. Die alten Volkssturmleute jedoch mussten bleiben und sind zum Teil im Lager aus Altersschwäche oder Krankheit gestorben, vor allem, wenn diese nach der normalen Tagesschicht auch noch im Lager für eine Zusatzschicht eingesetzt wurden.
Um für die Dauer noch zusätzliche Arbeitskräfte für die Strafgebiete zu gewinnen, versuche der Russe auch aus den deutschen Kriegsgefangenen ebenfalls Strafgefangene für viele Jahre zu gewinnen. Die Verurteilungen lauteten häufig: „Vergehen am Bestand des russischen Volksvermögens“.
Beispiel: Wenn wir deutschen Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft für die Frühjahrsbestellung mit Saatkartoffeln oder im Herbst mit der Kartoffelernte eingesetzt wurden, haben wir hungrigen Gefangenen versucht, heimlich rohe Kartoffeln zu essen. Diejenigen, die dabei erwischt wurden, wurden im Lager vor versammelter Mannschaft von einer Kommission wegen „Vergehen am russischen Volksvermögen“ zu langjähriger  Strafgefangenschaft in besonderen Straflagern verurteilt.
Diese von den Russen verurteilten deutschen Strafgefangenen gehörten später, als der Bundeskanzler Adenauer 1955 in Moskau war, zu den letzten  entlassenen deutschen Kriegsgefangenen. Entlassungskleidung war oft der „Blaumann“.
Die in Russland kämpfenden Wehrmachtssoldaten hatten oft kleine, dünne Taschenwörterbücher, die man zur Sprachverständigung benutzen konnte. Auf dem langen Transport  von Ostpreußen in das Gebiet von Naschni-Tagil habe ich fleißig davon Gebrauch gemacht, die russische Sprache zu erlernen. Ich war so allmählich in der Lage, russische Zeitungsartikel ins Deutsche zu übersetzen und diese abends nach Feierabend in den Baracken vorzulesen.
In unserem Lager stand als Kriegsbeute eine kleine deutsche Bibliothek mit politischer Literatur zur Verfügung. Wer Interesse an den Büchern hatte, konnte sich nach Feierabend damit  beschäftigen.
Im Lager entstand auch ein kleines Orchester und ein Männerchor, Ich selbst wurde Mitglied dieses Chores. Für unseren Gesang erhielten wir von der Lagerküche manchmal Zusatzverpflegung.
Für die ärztliche Versorgung und ärztliche Kontrolle  hatte der Russe bestimmte feste Regeln aufgestellt. Einmal im Monat wurden all Gefangenen vom weiblichen Ärztepersonal auf ihre  Arbeitsfähigkeit untersucht und in bestimmte Arbeitsklassen eingeteilt. Arbeitsfähigkeit 1 bis 3 und Klasse 4 (=Dystrophiker). Die Dystrophiker konnten einige Wochen ohne Arbeitspensum in den Baracken bleiben, bis sie sich wieder erholt hatten.
Ich selbst zählte zu Beginn meiner Gefangenschaft noch zur Arbeitsgruppe 1. Zum Ende meiner Gefangenschaft war ich jedoch bis zur Klasse 4 (Dystrophiker) herunter gekommen.
Der Hygiene im Gefangenenlager diente vor allem die monatliche Entlausung. Die Schlafbaracken waren stark  verwanzt, was sich vor allem nachts während des Schlafs bemerkbar machte. Bei der Schlafwärme ließen  sich die Wanzen von der Decke auf die zu 10 Mann belegten Schlafpritschen fallen.
Die medizinische Versorgung der Gefangenen war bis Anfang 1946 noch gut, da die USA die Medikamente ausreichend zur Verfügung stellte. Das ließ jedoch ab Mitte 1946 (wie auch die Lebensmittelversorgung) stark nach, da die USA und die Sowjetunion politisch in Streit gerieten.
Die Unterversorgung mit Medizin zeigte sich Mai 1947, als in unserem Lager eine Ruhrepidemie ausbrach, bei der viele Gefangene gestorben sind. Da die Medizin fehlte, erhielten die Ruhrerkrankten in der Quarantänezeit als Ersatz für die             fehlende Medizin von den russischen Ärzten drei Tage lang nichts zu essen und zu trinken. Wer sich nachts als Ruhrerkrankter heimlich zum Wasserkran schlich, verblutete innerlich innerhalb weniger Stunden. Ich selbst habe mich als Ruhrkranker streng an das Trinkverbot gehalten  und so die Krankheit überstanden.
In der Zeit meiner Dystrophie hatte ich ein besonderes Erlebnis: ich fand zufällig unter dem Kopfstück meiner hölzernen Liege eine Bibel (Altes und Neues Testament) in Kleinstformat von ca. 8cm Größe auf Dünnpapier. Ich hatte damals Zeit, ausgiebig darin zu lesen.


Die Russen haben uns in all den Gefangenenschaftsjahren immer wieder vergeblich versprochen, uns bald nach Hause zu schicken (Skoro domoi). Da aber die USA und die Sowjetunion politisch aneinander gerieten, wurde nichts daraus. Erst als sich 1948 die politische Lage entspannte, wurde aus der versprochenen Entlassung endlich eine Tatsche.
Da wir in einem Verbannungsstrafgebiet arbeiteten, konnten die Russen für uns in Nischni-Tagil umfangreichen Ersatz durch seine eigenen Strafgefangenen finden. Unser Kriegsgefangenenlager dort wurde daher Ende Mai 1948 geschlossen aufgelöst.

Holzwickede, 19. Februar 2010                        JOSEF BEISLER

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